Geschichten
Hit the road, Luxembourg Philharmonic!
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Hit the road, Luxembourg Philharmonic!
Berühmte Konzertsäle in faszinierenden Städten zu bespielen, klingt wie ein Traum. Doch welche internen Abläufe sind nötig, damit eine Tournee gelingt? Dafür braucht es jede Menge Papierkram, Visa, Ersatzmusiker*innen, minutiös geplante Busfahrpläne und schnelles Handeln, wenn plötzlich 25 Gepäckstücke verschwinden. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, wases braucht, um ein 100-köpfiges Orchester um die Welt zu schicken.
Neben seinen Heimspielen im Grand Auditorium ist das Luxembourg Philharmonic auch international stark gefragt. Mehrmals im Jahr begibt sich das Orchester mit seinem gesamten Team auf Tournee durch Europa und andere Kontinente. Gerade erst ist es von einer einwöchigen Reise in Südkorea und Taiwan zurückgekehrt, mit Konzerten in Seoul, Yongin, Tongyeong, Taichung und Taipeh. Diese Auftritte auf internationalen Bühnen machen nicht nur Luxemburg als Kulturstandort sichtbar und unterstreichen das hohe künstlerische Niveau der Philharmonie, sondern stärken auch den Zusammenhalt innerhalb des Orchesters. Die gemeinsamen Erlebnisse auf Tour schaffen persönliche Verbindungen, die sich in einem noch feineren musikalischen Zusammenspiel auf der Bühne widerspiegeln.
Wachstum beginnt zu Hause
Zum Kernteam rund um die Musikerinnen und Musiker gehört auch Patrick Coljon, Head of Orchestra, der für die Belange der Musikerinnen und Musiker verantwortlich ist. Er löst Probleme, beantwortet Fragen und fungiert als Ansprechpartner und Vertreter. Seit 1995 ist er bei der Luxembourg Philharmonic tätig – damals noch in privater Trägerschaft und unter dem Namen Grand orchestre symphonique de RTL. 21 Jahre lang spielte er selbst Horn, bevor er seine heutige Funktion übernahm, was ihn zu einer Art lebendem Archiv der Entwicklung des Orchesters macht. «Es war immer mein Traum, Teil eines Orchesters zu sein», sagt er. Doch das Niveau und die Strukturen waren damals ganz anders: Die Proben fanden in der Villa Louvigny, dem ehemaligen Sitz von Radio Luxembourg, statt, die Konzerte im Konservatorium und im Grand Théâtre. Es gab bereits einige internationale Tourneen, allerdings in deutlich kleinerem Umfang: «Ich erinnere mich, wie ich in Amsterdam oder Wien einen Konzertsaal betrat und dachte: Wow, das ist fantastisch!» Mit der Eröffnung der Philharmonie im Jahr 2005 änderte sich alles: «Früher musste man nach Paris, Köln oder Brüssel fahren, um große Namen zu erleben. Und plötzlich zogen wir Künstlerinnen und Künstler von höchstem Niveau an. Das brachte auch von außen mehr Konkurrenz ins Land. Das ist sehr gut für die Dynamik.» Das Orchester wuchs von 60 oder 70 Musiker*innen auf 100 Mitglieder, und machte sich international zunehmend einen Namen. «Man spielt Seite an Seite mit den Besten. Gestern war das Royal Concertgebouw Orchestra hier zu Gast, heute spielt das Luxembourg Philharmonic. Die Erwartungen sind hoch. Unser Publikum wird vergleichen.»
Papierkram, Terminpläne und Ersatzmusiker*innen
Eine Tournee wie die nach Südkorea und Taiwan wird von der künstlerischen Abteilung häufig mehr als ein Jahr im Voraus geplant. Dabei werden die Programme und das Format frühzeitig festlegt. Anschließend übernimmt das Produktionsteam und beginnt mehrere Monate vor der Abreise mit den organisatorischen Vorbereitungen: Visa prüfen, die Gültigkeit der Reisepässe kontrollieren und sorgfältig zählen, wer mitreist und wer als Reserve vorgesehen ist. Catherine Gaul, Senior Manager Orchestra Personnel and Touring, geht dabei bis ins kleinste Detail. Sie steht in engem Austausch mit Patrick Coljon, um die Größe der Reisegruppe festzulegen, bevor sie die weiteren Reisevorbereitungen treffen kann. So gibt es beispielsweise 18 erste Geiger*innen im Orchester, während für eine Tournee vielleicht nur 14 benötigt werden – wer kommt als Reserve infrage und wer bleibt zu Hause? Hinter solchen Entscheidungen steckt eine umfassende Risikoabwägung: Sollen Ersatzmusiker*innen mit dem Orchester reisen, falls kurzfristig jemand benötigt wird, oder können sie zu Hause bleiben? Nehmen sie an allen Proben teil? Und was passiert, wenn kurzfristig ein*e Musiker*in gebraucht wird?
Wenn so viele Menschen unterwegs sind, kann jederzeit etwas Unvorhergesehenes passieren, zum Beispiel wenn seinen Reisepass im Flugzeug vergisst. Bei einer Spanien-Tournee kamen einmal 25 Koffer nicht an, obwohl die Gruppe am nächsten Morgen schon weiterziehen musste. Besonders herausfordernd war die Pandemiezeit. Das Luxembourg Philharmonic befand sich gerade auf Tournee in Köln, als in der Nacht vor der Weiterreise nach Teneriffa und Gran Canaria die ersten positiven Corona-Tests bekannt wurden – darunter auch der eines Orchestersolisten. Das Produktionsteam musste alle Hebel in Bewegung setzen, damit die Konzerte stattfinden konnten, erinnert sich Patrick Coljon: «Ich dachte: In zwei Stunden haben wir ein Konzert. Wo finden wir jetzt einen Solisten? Also begannen wir, Orchester in Köln und Umgebung anzurufen. Dann erkrankten auf dem Weg nach Spanien weitere Musiker*innen. Das Produktionsteam telefonierte nach Spanien, um zu erfahren, ob es dort jemanden gibt, der kurzfristig auf den Kanarischen Inseln einspringen könnten – ohne Proben, nur für das Konzert. Natürlich war das eine extreme Zeit. Aber auch heute gilt: Wenn wir mit nur einer ersten und einer zweiten Trompete auf Tour sind und sich einer von ihnen verletzt, haben wir ein Problem. Dann kann diese Stimme nicht mehr besetzt werden.»
Für den Klarinettisten Filippo Riccardo Biuso war genau diese Tour auf die Kanarischen Inseln – jene Reise, die das Produktionsteam besonders forderte – seine erste mit dem Luxembourg Philharmonic und zugleich seine bisher schönste. Vielleicht zeichnet genau das ein starkes Management- und Produktionsteam aus: Hinter den Kulissen Probleme zu lösen, damit sich die Musikerinnen und Musiker ganz auf die Vorbereitung ihres Auftritts konzentrieren können. Catherine Gaul weiß, dass immer wieder neue Herausforderungen entstehen. «Es gibt immer etwas zu regeln, ob groß oder klein. Man steht mitten im Geschehen. Es ist ein großartiges Gefühl, wenn alles reibungslos läuft und das Orchester und die Musikerinnen und Musiker mit dem Ablauf zufrieden sind.»
Unterwegs mit empfindlichen Instrumenten
Das wichtigste Utensil eines Musikers ist das eigene Instrument. Eine Klarinette lässt sich problemlos im Bus oder Zug transportieren – aber wie gelangt ein Kontrabass nach Südkorea? Zum Glück gehört Cargolux, eine der größten Frachtfluggesellschaften der Welt, zu den Sponsoren des Luxembourg Philharmonic. Bei Bedarf kann sie Instrumente und Equipment im Voraus in die jeweiligen Städte der Tournee transportieren. Ist ein Instrument zu groß oder zu wertvoll für den Versand, kann es sinnvoll sein, vor Ort eines zu mieten. «Es gehört zu den Aufgaben meines Kollegen Christophe Galeota (Project Manager, Anm. d. Red.), jede Musikerin und jeden Musiker zu fragen, ob ein Ersatzinstrument vorhanden ist, ob sie ihr Instrument mit an Bord nehmen möchten oder ob wir eines mieten müssen.» Für die jüngste Tournee nach Südkorea und Taiwan wurden zwei Sätze Kontrabässe von Luxemburg aus verschickt – einer nach Korea und einer nach Taiwan. Eine Konzertreise will bis ins kleinste Detail geplant sein!
«Gemeinsam mit unserem Reisebüro stellen wir sicher, dass die Fluggesellschaften unsere Streichinstrumente im Flugzeug akzeptieren», sagt Catherine Gaul. Das wird angesichts strengerer Vorgaben zu Maßen und Platzangebot in der Kabine zunehmend schwieriger. Da die Reisegruppe so groß ist und Effizienz eine wichtige Rolle spielt, reserviert das Orchester am Flughafen manchmal einen eigenen Check-in-Schalter. Doch nicht nur die Instrumente werden im Voraus verschickt: Auch einige Bühnenoutfits reisen vorab, damit die Musiker*innen weniger Gepäck mit sich führen müssen. Am Ende, so Catherine Gaul, sei all dies «eine große Teamleistung von Musiker*innen, Produktion und Technik».


Touneealltag
Für Musikerinnen und Musikern hat eine Tournee ihren ganz eigenen Rhythmus, an den sie sich anpassen müssen: klar strukturiert, aber mit wenig Raum für Spontaneität. «Wir haben einen strikten Tourneeplan», sagt Filippo Riccardo Biuso. «Wann fährt der Bus, welchen Flug nehmen wir, welches Hotel, wann ist die Probe, wann gibt es Mittagessen?» Kurzfristige Änderungen im Ablauf werden von Catherine Gaul und ihrem Team über eine Planungstafel im Hotel oder am Veranstaltungsort kommuniziert – wobei die Abstimmung sich deutlich verkompliziert, wenn das Orchester auf vier verschiedene Hotels verteilt ist.
Auch wenn es in den Städten, die das Orchester besucht, viel zu entdecken gibt, nutzen viele Musikerinnen und Musiker ihre freie Zeit, um ihre Partien zu üben und sich auf das Konzert vorzubereiten, erklärt Filippo Riccardo Biuso: «Wenn man den ganzen Tag unterwegs ist, ist man vor dem Konzert ziemlich müde – deshalb vermeiden wir das. Die Reisetage sind die einzigen freien Tage.» Zu seinen unverzichtbaren Begleitern auf Tour gehören «ein gutes Buch und Kopfhörer. So kann ich lesen und gleichzeitig Repertoire hören, das ich vorbereiten muss.»
Vor jedem Konzert gibt es eine kurze Probe – nicht, um das Programm durchzuspielen, sondern um sich mit der Akustik des Saals vertraut zu machen. Die Produktions- und Technikteams der Philharmonie müssen mindestens drei Stunden vor dem Orchester vor Ort sein, um den Saal kennenzulernen, die Bühne aufzubauen und Instrumente sowie Kleiderkisten hinter der Bühne vorzubereiten.
Der Klarinettist denkt über Konzertsäle ähnlich nach wie andere Menschen über Landschaften: Jeder Saal ist einzigartig und hat seinen eigenen Charakter. «Jeder Veranstaltungsort hat seine kleinen Unvollkommenheiten – aber genau das macht ihn besonders.» Patrick Coljon teilt diese Faszination. «Ich mag besonders Säle, die etwa die Größe der Philharmonie haben. Das Concertgebouw [in Amsterdam, Anm. d. Red.] ist für mich phänomenal. Der Musikverein [in Wien, Anm. d. Red.] ist perfekt. Das sind Größenordnungen, bei denen man als Zuhörer dem Künstler direkt ins Gesicht schauen kann. Man spürt weiterhin diese unmittelbare Nähe zum Klang und zum Künstler.» Nach fast drei Jahrzehnten Arbeit an der Philharmonie und mit der internationalen Erfahrung kommt er zu dem Schluss: «Unser Saal ist sehr gut. Von der Infrastruktur über die Akustik bis hin zur Atmosphäre – das Niveau ist sehr hoch.»


Eine besonderes Miteinander im Orchester
Dass Patrick Coljon die Dynamik einer Tournee auch aus der Perspektive der Musiker*innen versteht, ist kein Zufall: 21 Jahre als Orchestermitglied haben ihm ein Verständnis für die Menschen vermittelt, um die er sich heute kümmert. «Ich weiß, wie Musikerinnen und Musiker funktionieren, wie sie reagieren, wann und wieso sie gestresst sind, wie und vor allem wann man mit ihnen sprechen sollte – denn sie haben eine künstlerische Sensibilität. Und sie wissen, dass ich das über sie weiß.» Er betont: «Tourneen sind unglaublich wichtig. Hier hat jeder sein Privatleben. Auf Tour sind wir die ganze Zeit zusammen. Wir kommen an, gehen ins Hotel, haben eine Probe und ein Konzert. Am nächsten Tag: Frühstück, Bus, nächste Stadt. Es sind immer dieselben Menschen.» Gemeinsam unterwegs zu sein, schafft eine starke Verbindung und wirkt sich darauf aus, wie das Orchester zusammenspielt – etwas, das Catherine Gaul immer wieder beobachtet. Filippo Riccardo Biuso schätzt die unterschiedlichen Eindrücke und Inspirationen, die eine Reise mit sich bringt: «Es ist ein echtes Privileg, in Konzertsälen zu spielen, die ich als Tourist wahrscheinlich nie besuchen würde. Diese Orte, insbesondere ihre Architektur, erzählen viel über die Kultur der Menschen und der Stadt. Auch das Publikum ist unterschiedlich. Manche scheuen sich nicht zu weinen oder offen zu reagieren, während andere zurückhaltender sind.» Eine seiner liebsten Tourneestädte ist Wien. «Dort haben wir Mahlers Symphonie N° 2 gespielt. Allein durch die Straßen zu gehen und zu wissen, dass Alma und Gustav Mahler hier gelebt und am gesellschaftlichen Leben teilgenommen haben, und dann die Parks und Cafés zu sehen… Da liegt etwas Besonderes in der Luft. Er ist durch diese Straßen gegangen. Er hatte diesen Blick und hat diese Symphonie komponiert.» Das i-Tüpfelchen eines gelungenen Tages ist für Catherine Gaul, wenn das Konzert gut gelaufen ist, die Produktion reibungslos funktioniert hat und alle zufrieden sind. Trotz außergewöhnlicher Situationen, die die Reisepläne des Orchesters verändert haben – etwa regionale Konflikte oder der Ausbruch eines Vulkans auf Island –, hat das Luxembourg Philharmonic noch nie eine Probe oder ein Konzert verpasst. Und wenn nach den Konzerten noch Zeit bleibt, genießen Musiker*innen und Mitarbeitende ab und zu ein wenig freie Zeit in der Stadt. Bei so vielen unterschiedlichen Nationalitäten und Hintergründen im Team findet sich in den meisten Städten jemand, der den perfekten Stadtführer abgeben kann.
Luxemburg in der Welt
Dank seiner musikalischen Entwicklung im vergangenen Jahrzehnt hat das Luxembourg Philharmonic international an Sichtbarkeit gewonnen. Den Anfang dieser Entwicklung markierte insbesondere die Ankunft von Gustavo Gimeno im Jahr 2015, der das Orchester auf neue künstlerische und geografische Wege führte. In Zusammenarbeit mit den Labels Pentatone und harmonia mundi spielte das Luxembourg Philharmonic unter anderem Werke von Bruckner, Schostakowitsch, Debussy, Mahler und Dutilleux ein. Das Dutilleux’-Album wurde mit einem Diapason d’Or und einem Choc de Classica ausgezeichnet – zwei der renommiertesten Auszeichnungen in der Welt der klassischen Tonaufnahmen. Dies erregte die Aufmerksamkeit von Programmverantwortlichen im Klassikbereich. Zudem gewann das Luxembourg Philharmonic gemeinsam mit Angélique Kidjo und Gast Waltzing einen Grammy. «Tourneen tragen zum internationalen Bild Luxemburgs und des Orchesters bei. Wir erhalten viele Anfragen für Auftritte im Ausland», sagt Patrick Coljon.
Vor dem Jahresende geht das Luxembourg Philharmonic auf eine Europatournee mit Terminen in Köln, Budapest (der Heimat unseres Chefdirigenten Martin Rajna), Maribor und München. Im März 2027 geht es für das Orchester ins kolumbianische Bogotá, wo es an drei Tagen Musik von Ludwig van Beethoven aufführen wird – der krönende Abschluss einer vielversprechenden Tourneesaison.



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10 Fragen an…
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