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Geschichten

Die ungeschriebene Magie der Improvisation

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Die ungeschriebene Magie der Improvisation

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Von Miles Davis stammt der berühmte Satz: «Spiele nicht, was da ist, sondern was nicht da ist.» Damit verwies er auf etwas schwer Greifbares: die verborgene Magie des spontanen Schaffens, die zwischen den geschriebenen Noten entsteht. Von Johann Sebastian Bach, der seine Fugen über das Geschriebene hinaus erweiterte, bis zu John Coltranes avantgardistischen Soli, von jahrhundertealten mündlichen Traditionen bis zur Orgelmusik in Kathedralen haben viele Musiker*innen ihren eigenen Weg in die große Welt der Improvisation gefunden.

Improvisation bedeutet, gleichzeitig zu komponieren und aufzuführen. Manchmal gibt es eine klare harmonische Struktur, in der man sich ausdrücken kann, etwa beim zwölftaktigen Blues oder einem Jazzstandard. Manchmal ist alles offener – wie im Free Jazz oder in der freien Improvisation. Nicht nur improvisieren zu können, sondern innerhalb der Improvisation auch eine Geschichte zu entwickeln, erfordert eine solide musikalische Grundlage (das Wissen um Tonarten und Tonleitern), ein tiefes Verständnis des eigenen Instruments, große Neugier und – auch wenn es zunächst widersprüchlich erscheinen mag – viel Übung.

Vor der Partitur

Wenn wir an Improvisation denken, denken wir oft an Jazz, nicht unbedingt an klassische Musik. Vielleicht liegt das daran, dass wir bei klassischen Konzerten häufig Musiker*innen sehen, die aus Noten spielen, und dass viele Konzertbesucher*innen sich noch an ihren Musiktheorieunterricht erinnern. Doch wie haben einige der bedeutendsten Improvisator*inneen Frankreichs ihren Weg begonnen?

Der Organist und Komponist Thierry Escaich improvisierte bereits, bevor er überhaupt eine Note lesen konnte. Mit vier oder fünf Jahren probierte er sich an Akkordeons, Melodikas und Klavieren aus, erfand Klänge und kleine musikalische Phrasen – einfach aus Freude am Spielen. Als er später begann, Orgel in liturgischen Zusammenhängen zu spielen, war Improvisation keine Fähigkeit, die er erst entwickeln musste: Sie war schlicht seine Art, Musik auszudrücken. «Ich habe mein Handwerk durch Improvisation gelernt», sagt er. «Es ist fast das Gegenteil von dem, was normalerweise passiert.»

Als Musiker*in ist es wichtig, Noten lesen zu können, aber noch wichtiger ist es, zu wissen, was man ohne sie tun kann. Diese Haltung wurde auch der Saxofonistin Alexandra Grimal vermittelt. Als sie als Kind Klavierunterricht nahm, lud ihre Lehrerin sie ein, sich ans Instrument zu setzen und Musik zu erschaffen, die die Sonne oder den Regen darstellte. «Diese ersten Schritte haben mir später die Freiheit gegeben, eine gute Notenleserin zu werden und gleichzeitig nicht nur nach Noten zu spielen», sagt sie. Sie wusste damals nicht genau, was sie tat – aber es fühlte sich völlig natürlich an. Beide Künstler*innen fanden zur Improvisation nicht als einer Technik, die es zu erlernen galt, sondern als einer Sprache, die sie seit ihrer Kindheit sprechen. Gerade deshalb ist Escaichs Ansatz beim Unterrichten so interessant. Denn nicht jede*r bekommt diesen frühen Zugang – und Escaich ist sich dessen bewusst. «Ich hatte Schüler*innen, die sich ziemlich blockiert fühlten. Sie waren an die Partitur gebunden, klammerten sich an die geschriebene Seite und hatten gewissermaßen Angst vor dem Nichts.» Für viele Musiker*innen bedeutet das Fehlen von Notation nicht Freiheit, sondern Stress. Doch mit Geduld und einem über fünf Jahre angelegten Prozess des schrittweisen Öffnens konnten dieselben Studierenden später bedeutende Improvisationswettbewerbe gewinnen und improvisieren heute frei in ihren eigenen Konzerten.

Die französische Schule der Improvisation

Thierry Escaich zählt zu den wichtigsten Vertretern der französischen Improvisationsschule. Dass die Improvisation gerade in Frankreich besonders stark verwurzelt ist, ist kein Zufall. Die katholischen Kirchen Frankreichs gaben Organist*innen gewissermaßen die Schlüssel (im wahrsten Sinne des Wortes): Da Chöre dort eine geringere Rolle spielten als in den angloamerikanischen Traditionen, erhielten Organist*innen während der Gottesdienste eigene solistische Momente – und damit mehr Raum zum Improvisieren. Aus diesem Umfeld gingen bedeutende Komponisten und Improvisatoren wie der belgische Musiker César Franck hervor. Hinzu kommt eine tief in der französischen Musik verwurzelte Vorliebe für reiche Klangfarben, freie Harmonien und melodische Entfaltung – im Gegensatz zur stärker strukturierten deutschen Tradition –, wodurch eine ideale Grundlage für die Orgelimprovisation entstand.

Viele Jahre später ist Thierry Escaich einer der Titularorganisten von Notre-Dame de Paris. Wenn er dort die ersten Töne zum Einzug erklingen lässt, weiß er nicht, wann die Prozession eintreffen wird – es können drei oder acht Minuten vergehen. Er muss zum richtigen Zeitpunkt in der passenden Tonart ankommen, damit Chor und Gemeinde genau auf dem Schlussakkord seiner Improvisation einsetzen können. Dabei kommt ihm ein praktisches Hilfsmittel zugute: «Ein grünes Licht, das mir zeigt, wann ich zum Abschluss kommen soll, oder ein rotes Licht, wenn ich aufhören muss, denn ich kann nicht immer sehen, was unten passiert. Ein orangenes Licht bedeutet: In fünfzehn Sekunden musst du den Schlussakkord erreichen. Es gibt kein Abbrechen mitten in einer Phrase.» Während dieses musikalischen Flusses begibt er sich auf einen verschlungenen Weg durch Töne, Klangflächen, Melodien und Harmonien – und erlebt völlige Freiheit.

Klanglandschaften erschaffen

Thierry Escaichs Weg als Improvisator wurde von seiner Liebe zum Stummfilm und zum Kino im Allgemeinen geprägt. Er schätzt große Regisseure wie Luchino Visconti, Pier Paolo Pasolini und Martin Scorsese. Als er das Konservatorium verließ, gehörte er zu den zentralen Figuren, die das in den 1990er-Jahren aus der Mode gekommene «Ciné-Concert» wiederbelebten, nachdem die Begleitung von Stummfilmen zunehmend verschwunden war. «Mich faszinierte die Idee, Klangwelten zu erschaffen, die vom Film selbst angedeutet werden. Das ist für mich eine sehr starke Inspirationsquelle beim Improvisieren.» Einen Stummfilm live zu begleiten bedeutet für Thierry Escaich jedoch weit mehr, als nur die Stille zu füllen. Es geht darum, einen Film so tief zu verstehen, dass die Musik mit ihm in einen Dialog tritt – statt ihn nur zu kommentieren. Gleichzeitig muss genug Raum bleiben, damit das Publikum seine eigene Vorstellungskraft einbringen kann. Technisch gesehen könnte er sich hinsetzen und zu einem Film improvisieren, den er noch nie gesehen hat. Doch das würde er nicht wollen. Ihm würde die emotionale Tiefe einzelner Szenen fehlen, und er wüsste nicht, wohin sich die Geschichte entwickelt. Auch wenn Thierry Escaich die Kunst der Improvisation über Jahre hinweg studiert und verfeinert hat, bleibt die musikalische Inspiration des Augenblicks – die Improvisation selbst – spontan. Dennoch sagt er, dass Improvisation auch die Summe all dessen ist, was er als Mensch aufgenommen hat: Komponist*innen schöpfen aus dem, was vor ihnen entstanden ist.

Kann jeder improvisieren?

Die Antwort derjenigen, die es beherrschen, lautet: ja – aber sie erfordert etwas, das zunächst widersprüchlich klingt: die Bereitschaft, zu verlernen. «Jede*r kann improvisieren, es ist nur eine Frage der Übung», sagt Alexandra Grimal. «Vergiss, was du zu wissen glaubst.» Laut der Saxofonistin braucht es eine gewisse Demut, um als Improvisator*in nicht zu wissen, wohin die Musik einen führen wird. Sie übt jeden Tag, um immer wieder in diesen Zustand zu finden, der ihre Inspiration und ihre Improvisation speist. Durch die Arbeit mit seinen Studierenden hat Thierry Escaich gezeigt, dass es möglich ist, Improvisation zu lernen. Beide Künstler*innen plädieren dafür, jungen Musiker*innen mehr Raum für Musik ohne Noten zu geben. Studierende sollten Zeit bekommen, Intervalle zu entdecken, Melodien zu erfinden und mit Rhythmen und Klangfarben zu spielen – nicht als Pause vom eigentlichen Lernen, sondern als Teil davon. «Wir haben uns allmählich etwas zu weit auf die Seite der geschriebenen Musik bewegt», sagt Thierry Escaich. «Geschriebene Musik ist wertvoll, aber gewissermaßen nur eine vorübergehende Episode in der Geschichte der Musik. Traditionelle Musik wird nur selten niedergeschrieben. Die Schrift hilft dabei, Dinge zu strukturieren, aber sie ist kein Selbstzweck.»

Wenn Improvisation zum Erlebnis wird

«Freie Improvisation kann schwer zugänglich sein, weil ihr vertraute Anhaltspunkte fehlen können», erklärt Francisco Sassetti, Senior Manager Artistic Planning. Als bekennender Jazzfan war er maßgeblich an der Entwicklung der Reihe Jazz Currents beteiligt, in der freie Improvisation im Mittelpunkt steht. «Improvisation ist sehr körperlich, man kann sich ihr nicht entziehen – in einem Museum kann man von einem Kunstwerk weggehen, hier sitzt man 60 oder 90 Minuten lang dabei. Das Publikum muss sich auf diese Reise einlassen und loslassen. Man muss sich darauf einlassen, wohin die Künstler*innen einen führen.» Es geht um Erwartungen und Vertrautheit: Je wohler man sich damit fühlt, nicht zu wissen, was als Nächstes kommt, desto weiter kann man reisen.

Diese gemeinsame Reise ist etwas, worüber Alexandra Grimal intensiv nachdenkt. Für sie ist jede Aufführung mit einer besonderen Verantwortung verbunden: Es geht darum, Barrieren abzubauen und Menschen emotional zu erreichen. Ob sie einen Jazzstandard, ein zeitgenössisches Stück, ein bulgarisches Volkslied oder etwas völlig Experimentelles spielt – die Hingabe bleibt dieselbe. «Wir tragen die Verantwortung für diesen einzigartigen Moment – die Verantwortung, den Raum zu verändern.» Es ist ihre Aufgabe, dies möglich zu machen, sagt sie. Auch an der Orgel der Kathedrale greift Thierry Escaich auf andere musikalische Einflüsse zurück und erweitert damit die Klangwelt für das Publikum: «Etwas bei einem Auszug in Notre-Dame kann wie Rock oder Tango klingen – warum nicht?» Darin zeigt sich, was Alexandra Grimal und Thierry Escaich verbindet: Improvisation ist mehr als eine musikalische Technik, sie ist ein lebendiger Akt der Kommunikation. Musik, die im Moment und für den Moment entsteht.

Im Moment leben

Die besondere Faszination der Improvisation lässt sich vielleicht am besten mit Thierry Escaichs Worten zusammenfassen: «Das Wunderbare an der Improvisation ist diese intuitive Reaktion – das Keimen von Ideen, die scheinbar aus dem Nichts entstehen. Man überrascht sich selbst, weil man gefordert wird und keine Zeit zum Nachdenken hat. Der Verstand kann nicht sagen: ‹Ja, nein, warte› – man macht einfach weiter.» Das Ergebnis ist Musik voller ungefilterter Emotionen; Gefühle, die vielleicht nie zum Vorschein kämen, wenn mehr Zeit bliebe, sie zu hinterfragen.

Doch was geschieht, wenn das Leben dazwischenkommt? Wenn eine Improvisator*in die Last eines schwierigen Tages mit auf die Bühne bringt? «Ich trainiere jeden Tag, um diese kreative Zone zu erreichen und zu verhindern, dass alles andere darauf Einfluss nimmt», sagt Alexandra Grimal. Es ist ein Zustand, der dem Flow nahekommt – ein Moment, in dem das Bewusstsein für sich selbst verschwindet und etwas Größeres die Führung übernimmt. Und er entsteht nur selten allein. «Auch die Gemeinschaft ist wichtig. Das Zuhören und das Zusammensein.» Die Saxofonistin schöpft viel Inspiration aus Orten, Menschen und «einfachen Details des Lebens, die ich manchmal wahrnehme. Sogar die besondere Form einer Wolke kann mich inspirieren!»

Spielräume

Improvisation muss nicht immer ernst sein – sie kann Spaß machen. Humor spielt sogar eine wichtige Rolle. Kleine rhythmische Motive, eine Melodie oder Harmonie, ein Wechselspiel von musikalischen Phrasen zwischen Musiker*innen: All das gehört dazu. «Das erlebt man in der Improvisation sehr häufig: die Interaktion zwischen Musiker*innen als Reaktion auf etwas, das zuvor passiert ist, oder als Spiel mit der Erwartungshaltung des Publikums», sagt Francisco Sassetti.

«Wir sind Spieler*innen. Wir spielen. Wie Kinder mit ihrem Spielzeug», sagt Alexandra Grimal. «Humor ist ein starkes Mittel zur Freiheit.» Sie verweist auf Charlie Chaplin, dessen Komik stets mit echter Tiefe und einer klaren Haltung verbunden war – als Erinnerung daran, dass Menschen zum Lachen zu bringen oft der aufrichtigste Weg ist, eine Tür zu öffnen. Thierry Escaich erlebte diese spielerische Energie besonders eindrucksvoll, als er den Stummfilm Sunrise begleitete, der eine halbe Stunde pure Slapstick-Komik enthält: herumrennende Ferkel, körperlichen Humor und Chaos.

Zwei einzigartige Auftritte

Während Alexandra Grimal in ihrem aktuellen Programm stark auf die gemeinsame Energie mit ihrer Band setzt, wird Thierry Escaich solo an der Orgel zu erleben sein. Zwei unterschiedliche Ansätze: Der eine lebt von der Energie der Mitmusiker*innen, vom musikalischen Wechselspiel und den gegenseitigen Impulsen; der andere führt in die Tiefen der eigenen Vorstellungskraft. Wenn Alexandra Grimal am 15.01. nach Luxemburg kommt, hofft sie, «sehr abenteuerliche und magische Musik, etwas Unerwartetes mitzubringen – etwas, das Raum erfüllt, sodass Freiheit ansteckend wird.»

Thierry Escaich wiederum nimmt uns am 09.11. in seinem Konzert «Cityscapes» auf eine besondere Form der Weltreise mit: Er spielt Improvisationen, die von Städten inspiriert sind, die er besucht hat – darunter Paris, Sankt Petersburg, New York und Buenos Aires. Für New York bringt er eine Fülle an Eindrücken mit: den motorischen Puls von John Adams und Steve Reich, gelbe Taxis, die Fifth Avenue, die Jazzclubs von Harlem – und die Eröffnungsszene von Taxi Driver, in der der Dampf über dem Asphalt aufsteigt, als würde die Stadt atmen. Das ist Thierry Escaichs Ausgangspunkt. Wohin die Reise von dort aus führt, weiß niemand – nicht einmal er selbst.

Improvisation ermöglicht es dem Publikum, Musik zu entdecken, die sich niemals auf dieselbe Weise wiederholen wird. Sowohl der musikalische Weg als auch das Ziel bleiben unbekannt. Wie weit werden die Musiker*innen uns in unbekanntes Terrain führen? Für sie ist es die Summe all dessen, was sie wissen, gesehen und als Inspiration aufgenommen haben – und dann das bewusste Loslassen all dessen, um Raum für das Überraschende zu schaffen. Es ist ein einzigartiger, grenzenloser Dialog, der in jede Richtung führen kann. Wenn vor uns Musiker*innen stehen, die ihr Handwerk mit solch einer Tiefe und Hingabe beherrschen, wird der Moment etwas Magisches hervorbringen.

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