Geschichten

Rising Stars zwischen Rückblick und Aufbruch

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Rising Stars zwischen Rückblick und Aufbruch

Die Saison 2025/26 markiert einen Wendepunkt für die European Concert Hall Organisation (ECHO). In den vergangenen 30 Jahren hat ihr Vorzeigeprogramm Rising Stars Dutzenden von Musikerinnen und Musikern am Beginn ihrer Karriere ermöglicht, prestigeträchtige Bühnen und Auftrittsmöglichkeiten bei den Mitgliedern der Organisation zu finden – zu denen auch die Philharmonie Luxembourg gehört. Wie jedes Jubiläum lädt auch dieses 30-jährige Bestehen dazu ein, sowohl zurück als auch nach vorn zu blicken: Was genau beinhaltet das Rising-Star-Konzept? Wie unterscheidet es sich von ähnlichen internationalen Auszeichnungen und wie könnte es sich in Zukunft weiterentwickeln? Wie erinnern sich ehemalige Teilnehmende an ihre Rising-Star-Saison, und wie bewerten sie rückblickend deren Einfluss auf ihren Weg als professionelle Musikerinnen und Musiker?

Janine Jansen, Jörg Widmann, Igor Levit, Khatia Buniatishvili, Renaud Capuçon… Sie spielen nicht dasselbe Instrument, gehören nicht derselben Generation an und teilen nicht die gleiche Nationalität, doch diese großen Namen der Klassikszene haben eines gemeinsam: Sie alle wurden für das Rising-Stars-Programm von ECHO ausgewählt, genau zu dem Zeitpunkt, als ihre Karrieren begannen, Fahrt aufzunehmen. Die international renommierte Pianistin Cathy Krier, die zweite Rising Star-Künstlerin aus Luxemburg, erinnert sich noch sehr lebhaft an den Tag, an dem sie angerufen wurde und von ihrer Auswahl erfuhr: «Ich weiß noch, dass ich ziemlich sprachlos war… und normalerweise bin ich eher eine Plaudertasche!», lacht sie. Es war das Jahr 2014, und das damals zehn Jahre alte Rising-Stars-Programm hatte sich bereits einen soliden Ruf erarbeitet.

Wie kam es dazu? Für Federico Rinaldi, Network Manager der European Concert Hall Organisation, liegt das Geheimnis von Anfang an im Engagement der Mitgliedsinstitutionen: «Rising Stars wurde früh in der Geschichte von ECHO ins Leben gerufen, als die Mitglieder erkannten, dass sie gegenüber zukünftigen Generationen von Künstlerinnen und Künstlern dieselbe Verantwortung empfanden.» Dieses Engagement ging über eine bloße passive Unterstützung des Programms hinaus; die ECHO-Organisationen nahmen ihre Rolle bei der Nominierung von Kandidatinnen und Kandidaten sehr ernst: «Die Auswahl war schon immer hervorragend», kommentiert Rinaldi – was wiederum dazu führte, dass das Programm schnell mit musikalischer Exzellenz in Verbindung gebracht wurde.

Der Beginn einer künstlerischen Identität

Im Vorfeld ihrer Saison als Rising Star 2015/16 schlug Cathy Krier zwei Konzertprogramme vor: eines war stärker der französischen Tradition verpflichtet, das andere hatte einen Fokus auf Zentraleuropa. «Die Organisatoren [von ECHO, Anm. d. Red.] haben mir in allen programmatischen und dramaturgischen Fragen vollkommen vertraut», erinnert sie sich, «und genau das ist es, was sich jede Musikerin und jeder Musiker am Anfang der Karriere wünscht: nicht nur sich als Künstlerin oder Künstler zu präsentieren, sondern vor allem zu zeigen, was man wirklich zeigen möchte.» Eine Einschätzung, die Federico Rinaldi teilt: «Etwas aufzuzwingen würde dem Wesen des Programms widersprechen: Die Ideen müssen von unseren Rising Stars kommen. Für manche ist es sogar das erste Mal in ihrer Laufbahn, dass sie so viel Freiheit genießen und man ihnen sagt: Geh auf die Bühne, sei du selbst!» Eine Chance und eine Herausforderung zugleich.

Für viele Alumni lassen sich die Ursprünge der künstlerischen Identität, für die sie heute berühmt sind, tatsächlich auf ihr Jahr als Rising Star zurückführen. In einem 2018 geführten Interview, kurz vor Beginn «seiner» Saison 2018/19, formulierte Kian Soltani folgenden Leitsatz: «Ich möchte mich als Musiker verstehen, nicht nur als klassischen Musiker.» Ein beinahe prophetischer Wunsch, wenn man bedenkt, dass der in Österreich geborene Cellist seither nicht nur mit den prestigeträchtigsten Orchestern Europas gewirkt hat, sondern auch regelmäßig Crossover- und nicht-klassische Projekte verfolgt, darunter Filmmusik zu Blockbustern wie auf dem von Kritik und Publikum gefeierten Album «Cello Unlimited» aus dem Jahr 2021. Wie Cathy Krier schöpfte auch Soltani die ihm als Rising Star gewährte Freiheit voll aus und stellte sein musikalisches Programm sorgfältig nach seinen künstlerischen Überzeugungen zusammen. Das bedeutete, möglichst große stilistische Vielfalt zu gewährleisten und sogar mit dem Jazzpianisten und Komponisten David Helbock an einem Auftragswerk zu arbeiten.

«Wer soll für Sie komponieren?»

Die Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Komponistinnen und Komponisten zur Entstehung eines neuen Musikwerks gehört seit Langem zum Kern der Rising-Star-Erfahrung, wenn auch, wie Federico Rinaldi betont, nicht von Anfang an. «Aber die ECHO-Mitgliedshäuser erkannten schnell, dass sie als führende Konzertinstitutionen die Verantwortung teilen, neuer Musik eine Bühne zu geben», fügt er hinzu. Im Laufe der Jahre haben sie im Rising-Stars-Programm eine hervorragende Möglichkeit gefunden, sowohl die Musikerinnen und Musiker als auch die Komponistinnen und Komponisten von heute zu fördern und zugleich ihr Publikum an Konzertprogramme zu gewöhnen, die traditionelle und innovative Inhalte miteinander verbinden.

Cathy Krier wird den Moment nie vergessen, als sie bei einem Treffen mit dem ECHO-Team gefragt wurde: «Also, wer soll für Sie komponieren?» «Ich verließ den Konferenzraum wie benommen», erzählt sie. «Die meisten der genannten Namen hatte ich immer für unerreichbar gehalten.» Die junge Pianistin entschied sich schließlich für den deutschen Komponisten Wolfgang Rihm. «Rückblickend», sagt sie, «war es sehr ermutigend, gesagt zu bekommen, dass alles möglich ist. Und noch dazu ließ das ECHO-Team es einfach erscheinen!»

Diese scheinbare Leichtigkeit setzt harte Arbeit hinter den Kulissen voraus – besonders in den ersten Jahren des Programms, als es sich noch etablieren musste. Wie Federico Rinaldi berichtet: «Wir mussten uns als Organisation wirklich fragen: ‹Was sind unsere Stärken? Was können wir diesen jungen Künstlerinnen und Künstlern bieten, das sie anderswo noch nicht bekommen haben?›». Eine spezielle Förderung für den Auftrag eines maßgeschneiderten Werkes – oft des ersten – ist dabei zweifellos ein unvergleichlicher Mehrwert. Ebenso die zahlreichen Möglichkeiten für die Teilnehmenden, über die Konzertbühne hinaus aufzutreten und sich mit den Zielgruppen auseinanderzusetzen, die von den ECHO-Mitgliedshäusern angesprochen werden.

Solistinnen und Solisten sind nicht allein

In den vergangenen 30 Jahren hat ECHO weit mehr getan, als jungen Solistinnen und Solisten auf dem ganzen Kontinent Bühnen zu eröffnen. Ziel war es auch, die Grundlage für zukünftige berufliche Kooperationen zu legen: «Im Jahr 2005/06 habe ich nicht einfach nur gespielt», erinnert sich Cathy Krier, «ich konnte auch viel netzwerken». Der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, aber auch mit strategischen Akteuren der Musikbranche – wie Talentscouts, Intendantinnen, Programmverantwortlichen oder sogar Inhabern von Plattenfirmen – erfordert Soft Skills, die über künstlerisches Können oder technische Virtuosität hinausgehen und daher Zeit und Anleitung benötigen – beides soll von der ECHO-Leitung vermittelt werden. «Es ist wichtig zu betonen», sagt Federico Rinaldi, «dass das Rising-Stars-Programm ein Lernprozess ist. Es ging nie nur darum, virtuose Stücke zu spielen: Wir möchten das Wachstum und die persönliche Entwicklung unserer Rising Stars fördern.» Seit 1996 und über die Jahre hinweg wird dies zunehmend durch Workshops zu nicht-musikalischen Themen erreicht, von Kommunikation über Körpersprache, der Arbeit mit Kindern bis hin zu Gesundheitstipps für Tourneen.


«Bei Rising Stars ging es nie nur darum, virtuose Stücke zu spielen» – Federico Rinaldi


Cathy Krier erinnert sich während ihrer Saison als Rising Star an ein «Geflecht von Menschen» um sie herum. «Ich war immer umgeben und begleitet von einer Art Wohlwollen, das ich seitdem nicht vergessen habe.»

Diese Kultur der Unterstützung wird besonders wertvoll, wenn unvermeidlich Herausforderungen auftreten. Das Tourneeformat, auf dem das Programm basiert, öffnet zwar viele Türen und bereitet die Rising Stars rigoros auf ihre Zukunft auf internationalen Bühnen vor, bringt aber auch gewisse Spannungen und Einschränkungen mit sich. Ganz gleich, wie sehr die Musikerinnen und Musiker an dem Programm hängen, das sie mitgestalten durften, Wiederholungen (15 bis 20 Auftritte in einer Saison!) können ermüdend sein. «Es ist nicht einfach, die Frische und das Staunen für die Musik über längere Zeit zu bewahren», sagt Cathy Krier, räumt aber zugleich ein, dass die nötige Ausdauer, um eine solche Routine zu meistern, einer der entscheidenden Aspekte in der frühen Karriere einer Musikerin oder eines Musikers ist. Und so stabil ein Programm auch sein mag, kein Abend gleicht dem anderen – wie damals, als im Grand Auditorium plötzlich das Licht ausging, gerade als die Pianistin ihr Konzert begonnen hatte, oder als ein kleiner Junge spontan auf die Bühne sprang, um sie beim Schlussapplaus zu umarmen…

Kontinuität und Neuerungen

Auch heute plant ECHO nicht, das Tempo oder das tourneebasierte Format seines Vorzeigeprogramms zu ändern. Bei künftigen Entwicklungen sollte der Blick vielmehr auf die Profile der für eine Nominierung infrage kommenden Musikerinnen und Musiker gerichtet werden. Federico Rinaldi erinnert sich begeistert an eine Rising Star der Saison 2025/26 mit einer Vorliebe für Popmusik: «Vielleicht werden wir künftig Persönlichkeiten und Projekte außerhalb der rein klassischen Welt ins Auge fassen!» Über die traditionelle Rezital-Erfahrung hinauszudenken erscheint ebenso wesentlich. Zukünftige Rising Stars werden zusätzlich zu ihrer Konzertsaison stärker an ELPO-Initiativen (Education, Learning, Participation and Outreach) teilnehmen. Schließlich sieht Rinaldi eine weitere strategische Perspektive darin, die Vernetzung zwischen den Rising Stars zu erhöhen: «Wir möchten die Zusammenarbeit zwischen den Künstlerinnen und Künstlern einer Saison fördern, aber auch zwischen Alumni, denn nach 30 Jahren haben wir inzwischen mehrere Generationen von Rising Stars. Einige könnten zu Mentorinnen und Mentoren für die neuesten Mitglieder des Programms werden.»

Unterdessen pflegen die ECHO-Mitgliedshäuser und ehemaligen Rising Stars weiterhin künstlerische Freundschaften und prägen einander von Saison zu Saison – allein im ersten und zweiten Quartal 2026 werden vier Alumni die Bühne der Philharmonie Luxembourg betreten.

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