Geschichten
Echoes of India: Das Making-Of
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Echoes of India: Das Making-Of
Von Festivals über Künstlerresidenzen bis hin zu Abonnements – die Philharmonie ist es gewohnt, ihr Publikum auf genre- und instrumentenbezogene sowie persönliche Reisen mitzunehmen, sei es für einen Tag, ein Wochenende oder über mehrere Konzerte hinweg. In der Saison 2025/26 beschlossen die für die Programmgestaltung verantwortlichen Teams, diesen Ansatz noch weiterzuverfolgen, indem sie «Echoes of India» ins Leben riefen, den ersten thematischen Zyklus der Philharmonie, der sich der südasiatischen Kultur widmet. Wir sprachen mit Francisco Sassetti, Senior Manager der Artistic Planning Division, um zu erfahren, wie es zu dieser strategischen und künstlerischen Entscheidung kam, wie die Reihe kuratiert wurde und was ihre erfolgreiche Umsetzung für künftige Konzertsaisons in der Philharmonie bedeuten könnte.
Wir möchten Geschichtenerzähler für die musikalischen Ereignisse werden, die wir schaffen. Dieses Motto war die treibende Kraft hinter der Erneuerung der Markenidentität der Philharmonie, die der Öffentlichkeit im Mai 2023 vorgestellt wurde. Vom Logo über das Design der Abendprogramme bis hin zu Marketingkampagnen, Inhalten für soziale Medien und die Website: Zahlreiche Marketing- und redaktionelle Initiativen, die in den letzten Jahren entwickelt wurden, lassen sich als Antworten auf die Frage verstehen: Wie können wir als kulturelle Institution bessere Geschichten erzählen? Auf Seiten der Programmplanung sieht es nicht anders aus. «Das ist etwas, das wir uns schon lange fragen», erklärt Francisco Sassetti, der seit 2015 für die Planung von Jazz- und nicht-klassischen Konzerten zuständig ist. «Wie können wir einen roten Faden oder mehrere erzählerische Verbindungen schaffen, die der Saison eine besondere Dynamik verleihen?»
Eine lang gehegte Idee
Die südasiatische Musik hat schon lange einen besonderen Platz im Herzen des ehemaligen Journalisten. «Außerhalb der westlichen Welt ist die indische Musiktradition vermutlich die bedeutendste», sagt er und fügt hinzu, dass er Künstler wie Vijay Iyer schon lange begeistert verfolgt habe, noch bevor er seine Stelle an der Philharmonie antrat: «Ich habe immer gedacht, wie können wir das in unser Programm aufnehmen?» Hierin liegt der Keim, der schließlich zur Entstehung der Reihe «Echoes of India» führen sollte: am Schnittpunkt zwischen dem abteilungsübergreifenden Bestreben, eine Kultur des Geschichtenerzählens zu fördern, und der persönlichen Leidenschaft eines künstlerischen Programmgestalters.
2024 brachte eine entscheidende Wendung. Als Anoushka Shankar mit der Arbeit für den letzten Teil ihrer Chapters-Trilogie beginnt und sich auf ihr 30-jähriges Karrierejubiläum 2026 vorbereitet, nehmen Francisco Sassetti und sein Team Kontakt auf, um sie nach Luxemburg einzuladen. Darauf folgt eine weitere Idee: «Vor ein paar Jahren brachten wir Shiraz von Frank Osten [bayerischer Filmemacher einiger der frühesten indischen Blockbuster, Anm. d. Red.] auf die Bühne. Das Projekt war so schön, dass ich begann mich zu fragen, ob wir ein weiteres machen könnten.» Ostens A Throw of Dice aus dem Jahr 1929 bot sich förmlich an. Vijay Iyer, Anoushka Shankar, ein Ciné-Concert… «Als mir klar wurde, dass wir drei Projekte hatten, die sich zu konkretisieren schienen, wurde die Möglichkeit einer Reihe real. Und dann begann ein offizielles Gespräch», erinnert sich Sassetti – sowohl der Leiter der Artistic Planning Division, Matthew Studdert-Kennedy, als auch der Generaldirektor der Philharmonie, Stephan Gehmacher, waren bereit, seine Vision eines thematischen Zyklus', der der indischen Musik gewidmet ist, und die Suche nach weiteren Künstlerinnen und Künstlern zu unterstützen.

«Wir wollten nicht allzu orthodox vorgehen.»
Wie lässt sich das umsetzen? Wie in vielen anderen Fragen entschieden sich Francisco Sassetti und die Leitung der Philharmonie, beim Publikum anzusetzen: «Wir wollten in unserem Ansatz weder akademisch noch allzu orthodox sein oder versuchen, jede indische Region oder Tradition abzubilden», erklärt er. «Letztlich wollten wir vor allem gute Konzerte, die die Menschen ansprechen.» Die musikalischen Traditionen eines ganzen Kontinents in nur sechs bis sieben Konzerten erschöpfend darzustellen, wäre ein unmögliches Unterfangen gewesen. Luxemburg jedoch den heutigen Puls dieser Musik spüren zu lassen und zugleich eine Verbindung zu ihrer reichen Geschichte herzustellen – durch eine Reihe origineller, sorgfältig kuratierter künstlerischer Begegnungen? Das erschien deutlich realistischer – und attraktiver.
«Fast zufällig haben die meisten Projekte, die unsere Aufmerksamkeit erweckten, ein Fusion-Element», reflektiert Sassetti. Das Luxembourg Philharmonic gemeinsam mit Nishat Khan für den Soundtrack zu A Throw of Dice, Anoushka Shankar mit dem London Contemporary Orchestra, der indisch-amerikanische Jazzmusiker Vijay Iyer, Varijashree Venugopals popinspirierte karnatische Musik, eine Hommage an Zakir Hussain – die Tabla-Legende, die maßgeblich zur weltweiten Verbreitung der klassischen indischen Musik beitrug… Dieser Eklektizismus ist ebenso eine programmatische Entscheidung der Philharmonie wie ein Spiegel der künstlerischen DNA einer neuen Generation indischer Musikerinnen und Musiker. Auch Naïssam Jalals Landscapes of Eternity fügt sich in dieses Bild ein, denn die französisch-syrische Jazzmusikerin verbrachte mehrere Monate in Indien und erforschte dort, wie sich traditionelle Instrumente des Landes in ihre eigene musikalische Praxis einweben lassen.
Wenn künstlerische Planung zu Co-Kreation wird
Doch die Planung eines thematischen Zyklus beschränkt sich nicht darauf, zur richtigen Zeit die passenden Musikerinnen und Musiker zu engagieren. In manchen Fällen bedeutet es auch, die Ärmel hochzukrempeln und gemeinsam mit den Künstlerinnen und Künstlern an der Ausgestaltung des finalen Projekts zu arbeiten. «A Throw of Dice war wahrscheinlich das komplexeste Projekt», erinnert sich Francisco Sassetti. «Nishat Khan hatte den Film schon einmal begleitet, allerdings in einem völlig anderen Rahmen, in Delhi.» Was ursprünglich als halb improvisierte Sitarbegleitung zu Frank Ostens Interpretation der Mahabharata gedacht war, entwickelte sich nach und nach zu einem größeren Vorhaben: Mitglieder des Luxembourg Philharmonic und traditionelle indische Instrumentalisten standen gemeinsam auf der Bühne – und arbeiteten mit derselben Partitur. Schließlich wurde ein Dirigent hinzugezogen, der entscheidend dafür war, alle Elemente des Projekts zusammenzuführen. Wie Francisco Sassetti erklärt: «Wir mussten das Endergebnis tatsächlich selbst produzieren, das heißt die notwendigen technischen Elemente integrieren, damit der Dirigent die Musikerinnen und Musiker anleiten konnte. Das ist etwas, was wir normalerweise nicht tun – entsprechend groß war der Aufwand hinter den Kulissen!»
Auch Rites of Spring kam nicht als «fertiges Produkt» an. Zwar hatte Francisco Sassetti Vijay Iyers Musik für den Filmdokumentarfilm Radhe Radhe: Rites of Holi schon seit vielen Jahren im Hinterkopf, doch ihre Integration in ein Konzertprogramm schien lange schwierig: «Es ist nur ein halbstündiges Werk, und Vijay ist eher als Jazzmusiker denn als Komponist bekannt.» Bis die Idee aufkam, es mit Igor Strawinskys Le Sacre du printemps zu kombinieren. «Das ist das Schöne daran, die Philharmonie Luxembourg zu sein und ein aufgeschlossenes Orchester zu haben», erklärt Sassetti lächelnd. «Als ich Stephan [Gehmacher] und Matthew [Studdert-Kennedy] vorschlug, die beiden Werke zusammenzubringen, sagten sie sofort Ja!» Tatsächlich unterscheidet sich die Orchestrierung der beiden Stücke stark, doch Vijay Iyer orientierte sich in seiner Komposition an derselben Struktur und Grundidee wie Strawinskys Sacre. Bei aller Kühnheit erschien die Entscheidung, beide Werke zusammenzuführen, konzeptionell stimmig.
«Wir mussten um die Projekte kämpfen.»
Andere Aspekte der Planung des Zyklus gestalteten sich weniger reibungslos. Wie Francisco Sassetti offen einräumt: «Wir mussten für alle Projekte ziemlich kämpfen». Die räumliche Distanz war eine der vielen Herausforderungen, mit denen er und sein Team konfrontiert waren. Da Indien Tausende von Kilometern entfernt ist, «ist es schwierig, Künstlerinnen und Künstler davon zu überzeugen, für ein einmaliges Projekt so weit zu reisen». Umso wichtiger wird es in den Verhandlungen, sie dazu zu ermutigen, eine Europatournee um das geplante Konzert in Luxemburg aufzubauen. Bei Varijashree Venugopal fanden diese Gespräche per Zoom statt und führten schnell zum Erfolg, während sich Anoushka Shankar als deutlich herausfordernder erwies: «Über viele Monate hinweg hatten wir einen Termin. Dann teilte uns ihre Agentur mit, dass sie sich doch entschieden habe, nicht nach Europa zu reisen…», erklärt Sassetti. Doch er gab nicht auf: «Wir mussten wirklich viele Wochen kämpfen, um etwas zu finden, das sie überzeugen würde. Das ursprünglich geplante Projekt wurde schließlich umgestaltet, und wir verhandelten eine Terminverschiebung von September auf das Frühjahr.» Im Fall von Ishaan Ghoshs ARAJ ging die Philharmonie sogar noch weiter und half der Band dabei, Auftrittsmöglichkeiten außerhalb Luxemburgs zu finden: «Es ist eine fantastische Gruppe… Wir konnten ihnen helfen, ein Konzert in Budapest zu bekommen», erinnert sich Sassetti.
Abgesehen von der geographischen Distanz stellt auch das Timing bei der Konzeption nicht-klassischer Konzerte oder Reihen eine wiederkehrende Herausforderung dar, da die Planungsgewohnheiten der Künstlerinnen und Künstler nicht zwangsläufig dem Rhythmus der Veröffentlichungen der Philharmonie folgen. Von dem Moment an, als das Konzept im Juni 2024 bestätigt wurde und in die konkrete Planungsphase eintrat, bis zur Drucklegung des Musical Diary 2025/26 im März 2025 sahen sich Francisco Sassetti und sein Team einem Wettlauf gegen die Zeit ausgesetzt. «Wenn man im Sommer mit einer Idee für ein Konzert auf einen Künstler oder eine Künstlerin zugeht, das fast 18 Monate später stattfinden soll, wirkt das für sie sehr weit entfernt», erklärt der Programmgestalter. «Ein verbindliches ‹Ja› zu bekommen, erfordert daher Gespräche und Geduld.» Wenn die Zusage schließlich kommt, ist das Gefühl der Belohnung umso größer…
In diesem Frühjahr stehen dem Publikum noch drei der sieben Konzerte von Echoes of India bevor: Naïssam Jalals Landscapes of Eternity, Ishaan Ghoshs ARAJ und Anoushka Shankars Chapters. Auf die Frage, «was danach kommt», lächelt Francisco Sassetti. «Ich ziehe einen Zyklus zu Nordafrika in Erwägung. Auch Japan könnte eine spannende Option sein…» Aber pssst – keine Spoiler! Eines ist sicher: Mit der Förderung einer Kultur des Geschichtenerzählens in all ihren Projekten bleibt die Philharmonie Luxembourg den themenbezogenen musikalischen Reisen treu.





