Mit seinen grazilen Säulen und seiner hohen Decke erinnert das Foyer der Philharmonie in seiner Eleganz bisweilen an eine Kathedrale. Gilt der Chor, der in Anlehnung an das griechische khoros die Gesamtheit der dort auftretenden Sängerinnen und Sänger bezeichnet, nicht als heiligster Ort einer Kirche? Genau diese Gesangsformationen möchte die Philharmonie in dieser Saison im Foyer würdigen, vor allem jene der Renaissance, deren Höhepunkt mit dem vielfältigen Repertoire einiger franko-flämischer Komponisten erreicht wurde. Paul Van Nevel wird die neue Reihe Au (ch)œur des colonnes mit seinem Huelgas Ensemble und dem Programm Paris 1200 eröffnen, das etwas früher angesiedelt ist und die Anfänge der Polyphonie im Mittelalter erforscht, angeregt durch den Bau der Kathedrale Notre-Dame in Paris. Pointiert bemerkt der Musikwissenschaftler, dass «der ehemalige Glanz Flanderns nicht im Export von Radfahrern und Fußballern bestand, sondern von Musikern: berühmte Sänger und Komponisten, deren Ruf bis in den Orient vordrang». Die flämische Ästhetik breitete sich in ganz Europa aus, bis hin zur italienischen Halbinsel: Wie am Beispiel Orlando di Lassos zu sehen ist, der in Mons geboren wurde, in den Dienst eines Gonzaga trat, der ihn in die Niederlande reisen ließ, bevor er in Neapel und anschließend in München als Kapellmeister wirkte. Dieses reiche Erbe trat im 16. Jahrhundert Cristóbal de Morales an, ein brillanter spanischer Organist, der im Vatikan tätig war und etwa fünfundzwanzig Messen komponierte, aus denen Vox Luminis unter der Leitung von Lionel Meunier singen wird. Zuvor erkunden die Tallis Scholars Werke von Giovanni Pierluigi da Palestrina sowie das berühmte Miserere von Gregorio Allegri, das ursprünglich ausschließlich für den Chor der Sixtinischen Kapelle vorgesehen war und dessen kristallklare Klänge, die einst allen Verboten trotzten, nun die Höhen des Foyers durchdringen. Dessen unvergleichliche, kathedralenartige Akustik bietet den idealen Rahmen für die stimmliche Vielfalt dieser neuen Reihe.
Anne Payot-Le Nabour




